(Fast) Keine Überraschungen an den Oscars

In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar wurden zum 85. Mal die begehrten goldenen Männchen der Academy of Motion Picture Arts and Sciences vergeben. Zu grossen Überraschungen kam es nicht. Die Favoriten, die schon bei den Golden Globes und den Bafta Awards abgesahnt haben, konnten sich auch gestern Abend durchsetzen.

© 2013 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.
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Seth McFarlane führte zum ersten Mal durch den Abend. Was für den amerikanischen Durchschnittszuschauer gut und gerne sprüchemässig unter die Gürtellinie ging, war für das europäische Publikum geradezu handzahm. Und auch wenn sich der Schöpfer von Family Guy und Ted alle Mühe gab, hätte man gegen Ende der Verleihung dem aalglatten McFarlane am liebsten sein Dauergrinsen aus dem Gesicht «gewischt». Aber nicht nur der Host war ein «Firsttimer», auch die Verleihung selbst vertrug einen neuen Anstrich. So bekamn die diesjährigen Oscar Awards zum ersten Mal ein tonangebendes Thema – und in diesem Fall tatsächlich tonangebend. Die Zeremonie richtete sich nach dem künstlich übergestülpten Leitmotiv «Musicals», respektive «Music in Films». So durften wir denn die Musicals der letzten Jahre Revue passieren lassen, sahen Catherin Zeta-Jones (dieses Mal ohne Babybauch) einen Song aus Chicago trällernd über die Bühne hampeln, bekamen den Katzenjammer des gesamten Les Miserables Cast auf die Ohren gedrückt und durften uns an Jennifer Hudson erfreuen, die einen Song aus Dreamgirls performte. Dame Shirley Bassey verpasste zwar die ersten Töne ihres Hits Goldfinger, konnte sich aber in einen fulminanten Schlussrefrain retten. Im Vergleich dazu konnte Adele, die ihren Skyfall-Song performte, eigentlich nur verlieren.

© 2013 Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved.
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Zum sechsten Mal in der Geschichte der Oscarverleihung gab es ein Unentschieden. Einen solchen Gleichstand gab es laut “Hollywood Reporter” erst fünfmal zuvor, zuletzt 1994. Katharine Hepburn und Barbara Streisand teilten sich schon den Oscar in der Hauptkategorie der besten Schauspielerin (1969). Dieses Jahr ereignete sich das Unentschieden aber in einer Nebenkategorie, derjenigen des Soundmix. Zero Dark Thirty und Skyfall konnten sich die Auszeichnung teilen. Wenig überraschend waren hingegen die Gewinner der Hauptkategorie bester Schauspieler, beste Schauspielerin. Daniel Day-Lewis holte sich seinen dritten Oscar und kann sich somit in die Riege der meistausgezeichneten Mimen spielen. Neben ihm gibt es nur noch Jack Nicholson und Walter Brennan, die je drei Oscars in dieser Kategorie ihr Eigen nennen dürfen. Day-Lewis wurde für seine Darstellung des amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln geehrt. Die Auszeichnung für die beste Schauspielerin konnte wenig überraschend Jennifer Lawrence für ihre Performance in Silver Linings Playbook entgegen nehmen. Nachdem sie die Treppe hochstolperte nahm sie den Preis ziemlich gefasst entgegen, andere wären vielleicht vor Scham im Erdboden versunken.

© Universal Pictures
© Universal Pictures

Grösster Verlierer der Academy Awards 2013 war und ist Steven Spielberg. Mit seinem Film Lincoln ging er in 12 Kategorien ins Rennen, konnte aber nur gerade zwei der begehrten Trophäen holen. Nebst Daniel Day-Lewis’ Sieg in einer der Hauptkategorien konnte Lincoln nur noch im Production Design absahnen. Der grösste Gewinner ist Ang Lee, der insgesamt elfmal mit Life of Pi nominiert war und vier Oscars mitnehmen durfte. Darunter etwas überraschend den Oscar für die beste Regie. Auch bei den Nebendarstellern waren die Sieger schon vor etlichen Wochen bekannt. Christoph Waltz durfte sich zum zweiten Mal einen Oscar für seine Leistungen abholen (und auch dieses Mal als Schauspieler eines Tarantino-Filmes) und Anne Hathaway gewann mit ihrer Darstellung in Les Misérables.

Fazit: Die diesjährige Oscareverleihunge ging ohne grosse Überraschungen und ohne grosses Geflenne über die Bühne. Die ganze Show erschien ziemlich brav, ja beinahe bieder. Am Ende bleibt eigentlich nur die Frage übrig, ob man in Hollywood den kussechten Lippenstift noch nicht kennt. Denn viele der Gewinner standen mit mehr oder weniger gut sichtbaren Kussmund-Abdrücken auf ihren Gesichtern auf der Bühne – den HD-Kameras und Channels sei es gedankt.

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Hier noch die vollständige Liste der Nominierten & Gewinner (mit einem Stern ausgezeichnet):

Bester Film
★ Argo – Grant Heslov, Ben Affleck, George Clooney
Beasts of the Southern Wild – Dan Janvey, Josh Penn, Michael Gottwald
Django Unchained – Stacey Sher, Reginald Hudlin, Pilar Savone
Liebe (Amour) – Margaret Ménégoz, Stefan Arndt, Veit Heiduschka, Michael Katz
Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi) – Gil Netter, Ang Lee, David Womark
Lincoln – Steven Spielberg, Kathleen Kennedy
Les Misérables – Tim Bevan, Eric Fellner, Debra Hayward, Cameron Mackintosh
Silver Linings (Silver Linings Playbook) – Donna Gigliotti, Bruce Cohen, Jonathan Gordon
Zero Dark Thirty – Mark Boal, Kathryn Bigelow, Megan Ellison
Beste Regie
★ Ang Lee – Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi)
Michael Haneke – Liebe (Amour)
David O. Russell – Silver Linings (Silver Linings Playbook)
Steven Spielberg – Lincoln
Benh Zeitlin – Beasts of the Southern Wild
Bester Hauptdarsteller
★ Daniel Day-Lewis – Lincoln
Bradley Cooper – Silver Linings (Silver Linings Playbook)
Hugh Jackman – Les Misérables
Joaquín Phoenix – The Master
Denzel Washington – Flight
Beste Hauptdarstellerin
★ Jennifer Lawrence – Silver Linings (Silver Linings Playbook)
Jessica Chastain – Zero Dark Thirty
Emmanuelle Riva – Liebe (Amour)
Quvenzhané Wallis – Beasts of the Southern Wild
Naomi Watts – The Impossible
Bester Nebendarsteller
★ Christoph Waltz – Django Unchained
Alan Arkin – Argo
Robert De Niro – Silver Linings (Silver Linings Playbook)
Philip Seymour Hoffman – The Master
Tommy Lee Jones – Lincoln
Beste Nebendarstellerin
★ Anne Hathaway – Les Misérables
Amy Adams – The Master
Sally Field – Lincoln
Helen Hunt – The Sessions – Wenn Worte berühren (The Sessions)
Jacki Weaver – Silver Linings (Silver Linings Playbook)
Bestes Originaldrehbuch
★ Django Unchained – Quentin Tarantino
Liebe (Amour) – Michael Haneke
Flight – John Gatins
Moonrise Kingdom – Wes Anderson, Roman Coppola
Zero Dark Thirty – Mark Boal
Bestes adaptiertes Drehbuch
★ Argo – Chris Terrio
Beasts of the Southern Wild – Lucy Alibar, Benh Zeitlin
Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi) – David MageeLincoln – Tony Kushner
Silver Linings (Silver Linings Playbook) – David O. Russell
Bester Animationsfilm

★ Merida – Legende der Highlands (Brave) – Mark Andrews, Brenda Chapman
Frankenweenie – Tim Burton
ParaNorman – Sam Fell, Chris Butler
Die Piraten! – Ein Haufen merkwürdiger Typen (The Pirates! Band of Misfits) – Peter Lord
Ralph reichts (Wreck-It Ralph) – Rich Moore

Bester fremdsprachiger Film

★ Liebe (Amour) – Österreich (Regie: Michael Haneke)
Die Königin und der Leibarzt (En kongelig affære) – Dänemark (Regie: Nikolaj Arcel)
Kon-Tiki – Norwegen (Regie: Joachim Rønning und Espen Sandberg)
No – Chile (Regie: Pablo Larraín)
Rebelle (War Witch) – Kanada (Regie: Kim Nguyen)

Bester animierter Kurzfilm

★ Im Flug erobert (Paperman) – John Kahrs
Adam and Dog – Minkyu Lee
Fresh Guacamole – PES
Head Over Heels – Timothy Reckart, Fodhla Cronin O’Reilly
Der längste Kita-Tag (The Longest Daycare) – David Silverman

Bester Kurzfilm

★ Curfew – Shawn Christensen
Asad – Bryan Buckley, Mino Jarjoura
Buzkashi Boys – Sam French, Ariel Nasr
Death of a Shadow – Tom Van Avermaet, Ellen De Waele
Henry – Yan England

Bestes Szenenbild

★ Lincoln – Rick Carter, Jim Erickson
Anna Karenina – Sarah Greenwood, Katie Spencer
Der Hobbit – Eine unerwartete Reise (The Hobbit: An Unexpected Journey) – Dan Hennah, Ra Vincent, Simon Bright
Les Misérables – Eve Stewart, Anna Lynch-Robinson
Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi) – David Gropman, Anna Pinnock

Beste Kamera

★ Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi) – Claudio Miranda
Anna Karenina – Seamus McGarvey
Django Unchained – Robert Richardson
Lincoln – Janusz Kamiński
James Bond 007: Skyfall (Skyfall) – Roger Deakins

Bestes Kostümdesign

★ Anna Karenina – Jacqueline Durran
Les Misérables – Paco Delgado
Lincoln – Joanna Johnston
Spieglein Spieglein – Die wirklich wahre Geschichte von Schneewittchen (Mirror Mirror) – Eiko Ishioka
Snow White and the Huntsman – Colleen Atwood

Bester Dokumentarfilm

★ Searching for Sugar Man – Malik Bendjelloul, Simon Chinn
5 Broken Cameras – Emad Burnat, Guy Davidi
Töte zuerst – Der israelische Geheimdienst (The Gatekeepers) – Dror Moreh, Philippa Kowarsky, Estelle Fialon
How to Survive a Plague – David France, Howard Gertler
The Invisible War – Kirby Dick, Amy Ziering

Bester Dokumentar-Kurzfilm

★ Inocente – Sean Fine, Andrea Nix Fine
Kings Point – Sari Gilman, Jedd Wider
Mondays at Racine – Cynthia Wade, Robin Honan
Open Heart – Kief Davidson, Cori Shepherd Stern
Redemption – Jon Alpert, Matthew O’Neill

Bester Schnitt

★ Argo – William Goldenberg
Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi) – Tim Squyres
Lincoln – Michael Kahn
Silver Linings (Silver Linings Playbook) – Jay Cassidy, Crispin Struthers
Zero Dark Thirty – Dylan Tichenor, William Goldenberg

Bestes Make-up und beste Frisuren

★ Les Misérables – Lisa Westcott, Julie Dartnell
Hitchcock – Howard Berger, Peter Montagna, Martin Samuel
Der Hobbit – Eine unerwartete Reise (The Hobbit: An Unexpected Journey) – Peter Swords King, Rick Findlater, Tami Lane

Beste Filmmusik

★ Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi) – Mychael Danna
Anna Karenina – Dario Marianelli
Argo – Alexandre Desplat
Lincoln – John Williams
James Bond 007: Skyfall (Skyfall) – Thomas Newman

Bester Filmsong

★ Skyfall aus James Bond 007: Skyfall (Skyfall) – Adele Adkins, Paul Epworth
Before My Time aus Chasing Ice – Joshua Ralph
Everybody Needs A Best Friend aus Ted – Walter Murphy, Seth MacFarlane
Pi’s Lullaby aus Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi) – Mychael Danna, Bombay Jayashri
Suddenly aus Les Misérables – Claude-Michel Schönberg, Herbert Kretzmer, Alain Boublil

Bester Ton

★ Les Misérables – Lon Bender, Andy Nelson, Mark Paterson, Simon Hayes
Argo – John Reitz, Gregg Rudloff, Jose Antonio Garcia
Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi) – Ron Bartlett, D.M. Hemphill, Drew Kunin
Lincoln – Andy Nelson, Gary Rydstrom, Ronald Judkins
James Bond 007: Skyfall (Skyfall) – Scott Millan, Greg P. Russell, Stuart Wilson

Bester Tonschnitt

★ Zero Dark Thirty – Paul N. J. Ottosson
★ James Bond 007: Skyfall (Skyfall) – Per Hallberg, Karen Baker Landers
Argo – Erik Aadahl, Ethan Van der Ryn
Django Unchained – Wylie Stateman
Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi) – Eugene Gearty, Philip Stockton

Beste visuelle Effekte

★ Life of Pi: Schiffbruch mit Tiger (Life of Pi) – Bill Westenhofer, Guillaume Rocheron, Erik-Jan De Boer, Donald R. Elliott
Der Hobbit – Eine unerwartete Reise (The Hobbit: An Unexpected Journey) – Joe Letteri, Eric Saindon, David Clayton, R. Christopher White
Marvel’s The Avengers (The Avengers) – Janek Sirrs, Jeff White, Guy Williams, Dan Sudick
Prometheus – Dunkle Zeichen (Prometheus) – Richard Stammers, Trevor Wood, Charley Henley, Martin Hill
Snow White and the Huntsman – Cedric Nicolas-Troyan, Philip Brennan, Neil Corbould, Michael Dawson

Ehren-Oscars

★ Hal Needham, US-amerikanischer Stuntman

★ Donn Alan Pennebaker, US-amerikanischer Dokumentarfilmer
★ George Stevens, Jr., u. a. Gründungsdirektor des American Film Institute
★ Jeffrey Katzenberg, US-amerikanischer Filmproduzent (Jean Hersholt Humanitarian Award)

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