Fantoche 2012: Fokus Tschechien und das Langfilm-Programm

Vom 4. bis 9. September 2012 ist die Stadt Baden zum 10. Mal Gastgeber von Fantoche – der grössten Schweizer Trickfilmschau, die auch dieses Jahr wieder herausragende Werke präsentiert – und den Fokus dieses Mal auf Tschechien legt, das Land mit der für den Animationsfilm wohl prägendsten Vergangenheit. Zudem gibt es mehrere sehenswerte Langfilme.

Nach Anfängen in den 30er Jahren wurden in Tschechien in den 1950er-Jahren – damals hiess das Land noch Tschechoslowakei – wichtige Massstäbe im Animationsfilm geschaffen. Besonders in der Puppenanimation entstand Pionierarbeit. Von hier aus eroberte aber auch die Zeichentrickserie «Der kleine Maulwurf» ab 1957 Kinderherzen in aller Welt. Die politische Wende der späten 1980er-Jahre wurde im Animationsfilm sogleich reflektiert, brachte dem Medium aber auch einen jähen Zusammenbruch.

Die junge Künstlergeneration von heute lässt die Vergangenheit ruhen und beansprucht lieber die Zukunft für sich. Der Fantoche-Schwerpunkt Tschechien bietet die einmalige Gelegenheit, dieses zentrale Kapitel der Animationsgeschichte kennenzulernen.

Themenprogramme zum Fokus

Verschiedene Themenprogramme zeigen ausgesuchte Kurzfilme aus dem tschechischen Animationsschaffen: Vier Programme wurden vom Historiker und Animationsfilm-Experten Jiri Kubicek zusammengestellt mit Filmen der 40er bis 90er Jahre: «Drama der Puppen», eine Homage an Jiri Trnka, die dieses Jahr 100 Jahre alt geworden wäre; «Hohe Schule der Animation – tschechische Klassiker»; «Verborgene Schätze und Trouvaillen der tschechischen Animation», «Neue Sensibilität in der tschechischen Animation». Zwei Programme reflektieren die zeitgenössische Animation: «Die neue Generation der tschechischen Animation», kuratiert von Michal Prochazka und «Zeitgenössische tschechische Puppenanimation», kuratiert von unseren Tschechischen Partnerfestival Anifest. Ausserdem gibt es ein spezielles Programm „Tschechische Kinderfilme“ für Kinder ab 6 Jahren, mit bekannten und zu entdeckenden Leckerbissen für Kinder.

Fimfárum The Third Time Lucky – 3D
Copyright: Kristina Dufková, Vlasta Pospíšilová, David Súkup

Natürlich bietet Fantoche auch eine mitreissende Sammlung von aktuellen Langfilmen aus Tschechien sowie
weiterführende Attraktionen: «Fimfarum – The Third Time Lucky 3D», «Alois Nebel», Studiopräsentation Anima Studio und eine Auswahl der Visegrád-Schulfilme.

Nebst dem Schweizer Wettbewerb und seinem grossen Bruder, dem internationalen Wettbewerb, ist das Langfilmprogramm eine der Hauptattraktionen von Fantoche. Grossproduktionen in 2D und 3D feiern hier ebenso ihre Premiere wie ausgewählte Autorenfilme, die exklusiv auf Grossleinwand betrachtet werden können. Mehrere Regisseure werden am Festival anwesend sein, um dem Publikum Red und Antwort stehen zu können. In den Making-of-Beiträgen gewähren sie zudem Einblick in ihr Schaffen.

Die Langfilme am Fantoche

«Midori-ko» – Keita Kurosaka, Japan 2010
In seinem Film zeigt Keita Kurosaka den Überlebenskampf eines lebendigen Gemüses mit menschlichen Zügen, das alles daran setzt, während einer Lebensmittelkrise nicht gefressen zu werden. «Midori-ko» ist eine Reise in eine surreale Welt mit einzigartigen handgemalten Bildern und gleichzeitig eine radikale und groteske Annäherung an die Thematik des Fleischkonsums.

«King of Pigs» – Yeung Sang-ho, Korea 2011
Das südkoreanische Werk «King of Pigs» ist eine dunkle Parabel über die menschliche Natur: Regisseur Yeung Sang-ho erzählt die Geschichte von zwei ehemaligen Schulkollegen, die einst von ihren Mitschülern brutal gemobbt worden waren. Beide führen heute ein Leben, das von der früheren Erniedrigung geprägt ist. Der erste südkoreanische Trickfilm, der am Cannes Film Festival gezeigt wurde.

«Eun-sil-yee» – Sun-ah Kim, Se-hee Park, Südkorea 2011
Die mental zurückgebliebene Eun-sil-yee wird Mutter und stirbt. Ihre Freunde nehmen sich des Babys an und entdecken die schreckliche Realität, die zum Tod der Mutter führte. In Bildern, die alles Liebliche vermeiden, erzählen die Regisseurinnen eine abgründige Geschichte von kollektivem Missbrauch.

Le Magasin des Suicides
Copyright: Patrice Leconte

«Le Magasin des Suicides» – Patrice Leconte, Frankreich, Kanada, Belgien 2012
Das kleine Pariser Fachgeschäft für allerlei Hilfsmittel für den vorgezogenen Übertritt ins Jenseits hat Hochkonjunktur. Die Zukunft des traditionsreichen Familienbetriebes ist so gut wie todsicher – bis der kleine Alan
geboren wird. Das makabere Musical des französischen Erfolgsregisseurs Patrice Leconte ist eine kurios
fröhliche Satire, die die Misere in Lebensfreude verkehrt.

«Kokuriko-Zaka Kara» – Goro Miyazaki, Japan 2011
Yokohama, 1963: Umi ist von ihrem Mitschüler Shun fasziniert, der die Schülerzeitung herausgibt. Ihre Freundschaft beginnt zu wachsen, währenddem sie sich zusammen für die baufällige Schülerbude einsetzen. Die zarte Liebesgeschichte aus dem Studio Ghibli erzählt von einer Generation, die vorwärts kommen will, ohne ihre
Wurzeln aufzugeben.

«Alois Nebel» – Tomáš Lunak, Tschechische Republik, 2011
Ende der 80er Jahre: Alois Nebel, einen einsamen Bahnwärter eines verlassenen Bahnhofs an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze, quälen Alpträumen mit den Geistern einer düsteren Vergangenheit. Eine geheimnisvolle Graphic-Novel-Verfilmung von Jaroslav Rudiš und Jaromír 99, die mit faszinierenden und kontrastreichen Bildern die Vertreibung der Sudetendeutschen aufspürt.

«Wrinkles» – Ignacio Ferreras, Spanien 2011
Emilio vergisst immer mehr Dinge, und als die Diagnose Alzheimer feststeht, führt ihn sein Weg ins Altersheim, wo ihm klar wird, dass dies die letzte Station seines Lebens ist. Doch Emilio freundet sich mit seinem Zimmernachbarn Miguel an. «Wrinkles», zu Deutsch Falten, erzählt mit raffinierten Dialogen eine berührende Geschichte über das Altern.

ParaNorman
Copyright: Chris Butler, Sam Fell

«ParaNorman» 3D – Chris Butler, Sam Fell, USA 2012
Norman ist ein Aussenseiter in der Schule, denn er hat eine Fähigkeit, die ihn ziemlich einsam macht: Er sieht die Geister von Verstorbenen. Auch Normans Familie weiss nicht, wie sie mit seinen übersinnlichen Wahrnehmungen umgehen soll. Doch dann wird die Stadt mit einem Fluch belegt, und eine Horde Zombies taucht auf.
Deutsch synchronisierte Fassung für Kinder Mi 5.9. um 14.00 Uhr

«Approved for Adoption» – Laurent Boileau, Belgien, Frankreich, Südkorea, Schweiz 2012
Circa 200 000 koreanische Kinder wurden nach dem Korea-Krieg von Familien rund um den Erdball adoptiert. Einer davon ist Jung, der seine Erfahrung in einem Comic festgehalten hat. Dieser wurde nun verfilmt und zeigt, dass Themen wie Mutterliebe und Familienzugehörigkeit Adoptivkinder niemals loslassen.

«Ernest et Célestine» – Stéphane Aubier, Vincent Patar, Benjamin Renner, Frankreich 2012
Eine Maus und ein Bär als beste Freunde? Célestine, die schlaue kleine Maus aus der Kanalisation, und Ernest, der immer hungrige Bär aus der Stadt, zeigen, dass das bestens geht. Wenigstens miteinander. Die Artgenossen sehen die Verbindung weniger tolerant und verfolgen die zwei immer tiefer in den Wald. Ihrer Freundschaft tut das keinen Abbruch. Ein wunderbares Abenteuer für die Kleinen.

«Le Tableau» – Jean-François Laguionie, Belgien, Frankreich 2011
Ein Maler lässt ein Bild, das ein Schloss in einem verwunschenen Wald zeigt, unvollendet zurück. Einige der Figuren des Bildes brechen daraus aus, um den Künstler zu suchen und ihn dazu zu bringen, sie und das Bild zu vollenden. Auf ihrer zauberhaften und abenteuerlichen Reise finden sie Antworten auf viele ihrer Fragen.

«Fimfarum The Third Time Lucky (3D)» – Kristina Dufkova, Vlasta Pospisilova, David Sukup, Tschechische
Republik, 2011
Neugierige Reporter verfolgen Spuren von ausgestorbenen Riesen, drei Königssöhne gehen auf die Suche nach einem verlorenen Hut und «Verstand» und «Glück» liefern sich ein aberwitziges Duell auf Kosten eines jungen Gärtners. Die Puppentricktrilogie nach den Märchenerzählungen von Jan Werich garantiert viel Witz und Ideenreichtum und amüsiert mit skurrilen Figuren.

Indie Game: The Movie – Lisanne Pajot, James Swirsky, US, 1012 ab 14 Jahren
Videospiele zu programmieren, ist kein Zuckerschlecken, und schon gar nicht, wenn man es alleine oder zu zweit versucht. Lisanne Pajot und James Swirsky haben für ihren Dokumentarfilm drei Projekte und ihre Macher begleitet. In «Indie Game: The Movie» zeigen sie, dass ein solches Unternehmen eine stetige Gratwanderung zwischen Leidenschaft und Selbstausbeutung bedeutet.

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